BK III/11 - 09.11.2002

Brieselanger Chronik von Arno Heinrich

Brieselang vor 10 Jahren: 1992 - Das Jahr der Veränderungen

Gummiwerk im Frühjahr 1991
Heute: Arkadenmarkt

Es gab in unserer Gemeinde wohl keine Familie, die in der Wendezeit nicht von gravierenden Veränderungen betoffen war. Die meisten existenziellen Sorgen gab es um die Arbeits- bzw. Ausbildungsplätze sowie um die Mietverhältnisse auf den sogenannten Westgrundstücken.

Ab 1. Januar 1992 war die Treuhandanstalt Berlin der alleinige Gesellschafter des Gummiwerkes Brieselang (GUBRI). Deren Aufgabe bestand darin, das ehemalige Volkseigentum in Privateigentum umzuwandeln. Doch einen Käufer für das gesamte Werk zu gewinnen, scheiterte. Als es jedoch feststand, das die Dichtungstechnik G. Bruss GmbH u. Co KG aus Hoisdorf die 1987/89 neuerbaute Zahnflachriemenhalle, in der sich auch der Werkzeugbau befand, und das umliegende Gelände, also das Filetstück des Werkes, erwerben würde, bestand für einen kleinen auserwählten Personenkreis die Hoffnung dort übernommen zu werden.

Für die Entrümpelung des Betriebsgeländes und die Demontage überflüssig gewordener Produktionsanlagen wurde aus der betrieblichen Werkstatt eine eigens dafür zusammengestellte Handwerkergruppe gebildet. Diese war seit dem 1. März1992 damit beschäftigt z.B. etwa 25 Container, die bisher als Lagerkapazität dienten, für die Verschrottung zu zerlegen. Auf dem heutigen BRUSS-Gelände lagerten weiterhin unzählige Montageteile und Materialien für den Bau eines neuen Zusatzkesselhauses. Alles landete nach deren Zerteilung und Sortierung in den Schrottcontainern.

Die neuen Produktionsmaschinen und Anlagen für die Zahnflachriemenproduktion, die gerade erst angelaufen war, wurden demontiert, später in Container verladen und für die Reise nach China bereitgestellt. Weiterhin wurden nach und nach auserwählte Spritzgussautomaten aus der ehemaligen Vulkanisationshalle in den nun leeren Hallenteil umgesetzt. Am 1. Juli 1992 wurde von der Firma BRUSS offiziell die Produktion von Gummiartikeln mit 80 übernommenen Kollegen aufgenommen.

Zählte das Brieselanger Gummiwerk 1990 noch ca. 600 Beschäftigte so waren diese durch Entlassungen bzw. durch den Eintritt in den Vorruhestand nun bis auf 60 Beschäftigte dezimiert. Diese 60 ehemaligen Kolleginnen und Kollegen wurden von der damals gegründeten "Arbeitsförderung Brieselang GmbH" übernommen und traten ab 1.9.1992 für ein Jahr eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) an, um den bevorstehenden Abriss des Restwerkes vorzubereiten und zu begleiten. Ebenfalls am 1. September 1992 hat die Gemeinde Brieselang in Form der "Kommunalen Entwicklungsgesellschaft GmbH" den Rest des Gummiwerkes gekauft. Unter der Leitung von Christine Otto wurden nun die Weichen für das neue Ortszentrum, den Arkaden Markt, gestellt.

Die Arbeiten der ABM-Kräfte bestanden weiterhin darin, Maschinen zu demontieren, Wasser-, Dampf- und Luftleitungen zu entfernen. Lagerräume mussten geräumt werden, hierbei landeten nagelneue Bestände in den Müllcontainern. Hunderte von Presswerkzeuge (Formen), in denen das Lebenswerk mehrerer Formbauer und Werkzeugmacher des Werkes steckten, wurden ausgesondert und verschrottet, weil die Gummiteile die damit hätten produziert werden können, keine Abnehmer mehr fanden. Weiterhin wurden Verwaltungsräume und Garderoben vom Mobiliar geräumt und entsorgt. Die gesamte Betriebsbibliothek landete ebenfalls auf dem Müll.

In den Fabrikhallen, in denen zu DDR-Zeiten um die Planerfüllung gerungen wurde, sah es nun aus wie nach einer Katastrophe. So hatte sich die Mehrzahl der Beschäftigten die Zukunft nach der friedlichen Revolution wohl nicht vorgestellt. Es klingt ja auch recht harmlos ein Betrieb wird abgewickelt, in Wirklichkeit war es die Liquidierung!

Einige der entlassenen Kollegen fanden für kurze Zeit in der neuen Großmannhalle in der Fichtestraße, die im April 1992 die Produktion von Plastikteilen aufgenommen hatte, einen neuen Arbeitsplatz. Anfangs war ja von 200 Arbeitsplätzen die Rede, doch dieses war eine Täuschung, denn bei der Produktionsaufnahme brachte das Unternehmen etwa 80 % der Arbeitskräfte aus Berlin (West) mit, bis auch diese auf die Straße gesetzt wurden.

Die Bildung des Amtes Brieselang war ein Hauptschwerpunkt des Jahres 1992. Der Minister des Innern gab am 26.8.1992 bekannt, dass als Zeitpunkt für das Zustandekommen des Amtes Brieselang der 30.8.1992 festgelegt wurde. Zugehörig zum Amt Brieselang mit Sitz in Brieselang sind die Gemeinden Brieselang, Bredow und Zeestow. Der damalige Brieselanger Bürgermeister Richard Heynisch wurde am 21.10.1992 zum Amtsdirektor gewählt. Durch Wahl im Dezember 1992 wurde Gerhard Schwandt nun Brieselangs neuer Bürgermeister.

Die Verlegung von Erdgasleitungen ging im Jahre 1992 weiter voran. Zu den ersten Erdgasabnehmern gehörte die Grund- und Gesamtschule.

Aber nicht nur diese Erdgasleitungen wurden an den Straßenrändern verlegt sondern die Telekom ließ durch die Firma Peter Hunderte von Telefonhausanschlüsse legen, so dass die meisten Brieselanger nun die Möglichkeit hatten ein Telefon anzuschließen. Mit einem Kran erfolgte am 14. August 1992 die Errichtung des Über-tragungsmastes neben dem ehemaligen Kaufhaus. Dieser Telekom-Mast stand jedoch schief und wurde im September nochmals gerade errichtet. Diese Arbeiten am Telefonnetz brachten eine positive Entwicklung in der Kommunikation, denn dieses war zuvor sehr mangelhaft. Immerhin gab es vor der Wende in Brieselang sowohl in privaten Haushalten und öffentlichen Gebäuden zusammen nur etwa 200 Telefonanschlüsse.

Weitere erwähnenswerte Punkte des Jahres 1992 wären noch:

- Aus einem halbamtlichen Wappen wurde die Birke nun zu einem genehmigten Wappen, nachdem der Minister des Inneren dieses am 10. Januar bestätigt hatte.

- Frau Angela Wikowski wurde Schiedsfrau in Brieselang

- Im Februar erfolgte der Umzug der Gemeindebibliothek aus der ehemaligen Baracke in der Wustermarker Straße ins Haus der Dienstleistungen (RE 80)

- Im März zog Dr. Jesinghaus von der ehemaligen Poliklinik im Heideweg ins Haus der Dienstleistungen (RE 80)

- In Brieselang wurde eine Außenstelle der Nauener Sozialstation eingerichtet, zuvor war dort die Gemeindeschwesterstation

- Wegen der angespannten Wohnsituation auf den Westgrundstücken fuhren Brieselanger Mieter am 12. März zu einer Demonstration nach Bonn.

- Die Veranda der Gaststätte "Zum ersten Siedler" wurde zur Straße hin erweitert und Pfingsten eingeweiht.

- In der ev. Kirche war am 6. Juli ein Treffen von Asylbewerbern bei dem die Ministerin Dr. Regine Hildebrandt und Spandaus Bürgermeister Hauff zugegen waren.

- Am 13.8. erfolgte die Eröffnung der Gaststätte zur Schmiede durch Familie Gläser.

- Auf einer Einwohnerversammlung präsentierten sich am 29. Oktober die Firmen Rigips, Hertie und weitere Investoren als Interessenten für das geplante WWZ.

- Am 15.12. eröffnete Roberto Eue im ehemaligen Fichtekonsum einen Lebensmittelladen.

- Der Forstweg wurde östlich der Wustermarker Straße erneuert und am 23.12. wieder für den Verkehr freigegeben.



 

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