BK II/10 - 12.10.2001

Brieselanger Chronik von Arno Heinrich

Heute: 1991 - Arbeitslosigkeit wurde Realität!

Die Euphorie der Einheit war vorbei. Es gab in den Geschäften nun genügend Bananen, doch die Arbeit wurde immer knapper.

Unter der Rubrik "Der Bürgermeister informiert" schrieb Bürgermeister Richard Heynisch im Brieselanger Kurier im Januar 1991: 

"Brieselang trifft mit seinen beiden ehemaligen Großbetrieben, die als Zulieferer für die chancenlose ostdeutsche Industrie arbeiten, der katastrophale Absatzmarkt in den neuen Bundesländern besonders hart. Von den bisher ca. 1.500 Arbeitsplätzen im Ort sind bereits heute über 800 vernichtet worden und ein Ende dieser Entwicklung ist noch nicht zu erkennen. Schon aus diesem Grunde betrachte ich es als meine wichtigste Aufgabe, Arbeitsplätze in ortsansässigen Kleinbetrieben durch entsprechende Auftragsvergaben zu erhalten und die Ansiedlung neuer Industriebetriebe mit allen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu fördern."

Der Wortschatz damaliger Zeit erweiterte sich zwangsläufig mit den Begriffen: Kurzarbeit-Null, Vorruhestand, Kündigung infolge Auftragsmangel, Arbeitsamt, Arbeitslosigkeit, Arbeitslosengeld, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.

Für die Mieter waren Mieterhöhung und Wohngeld etwas Neues und diejenigen, die auf einem sogenannten Westgrundstück wohnten, hatten die Sorge, was wird aus der Wohnung, denn die Alteigentümer klopften immer heftiger an die Wohnungstüren.

Die Umstrukturierung und Abwicklung der Betriebe und Produktionsgenossenschaften des Handwerks (PGH) waren in vollem Gange. Aber nicht nur diese waren von den Veränderungen betroffen, sondern auch die Lehrkräfte an den Schulen, die Kindergärtnerinnen in den Kindereinrichtungen, die Ärzte und Krankenschwestern in den betrieblichen Ambulanzen, die Hauswirtschaftspflegerinnen der Volkssolidarität, die Angestellten in den Verwaltungen und die Verkäuferrinnen beim Konsum und der HO.

Schon im Juli 1990, kurz nach der Währungsunion, hatten bundesdeutsche Handelsketten den neuen Absatzmarkt im Osten voll im Griff und die Warentheken mit ihren Erzeugnissen überschwemmt und somit wurden Arbeitsplätze bei nahen Molkereien, Schlachthöfen und Großbäckereien stark reduziert bzw. vernichtet. Ofenfrisches Brot landete in den Schweinetrögen, weil es angeblich nicht mehr gekauft werden würde. Doch das Füttern von Schweinen hatte auch keinen Sinn, denn Ost-Schweine und andere Erzeugnisse der LPG waren am Markt nicht gefragt. So wurden landwirtschaftliche Produkte wie Blumenkohl, Obst bzw. Fleisch- und Wurstwaren in Betrieben und an Straßen von LKWs preisgünstig verkauft, so auch in Brieselang.

Ebenso erging es den in Brieselang ansässigen landwirtschaftlichen Schulungseinrichtungen. Aus der Landwirtschaftsschule im Zetkinweg wurde ein Asylbewerberheim. Das Institut für Ausbildung und Qualifizierung wurde am 31. Dezember 1990 nach der erfolgten Abwicklung geschlossen. In diesem Gebäude, in der Thälmannstraße, nahm am 10. Juli 1991 das Amt für Agrarordnung seinen Sitz. Somit konnten Arbeitsplätze erhalten werden.

Im Sommer 1991 erfolgte die Teilung der ehemaligen Politechnischen Oberschule Brieselang in eine Grundschule und Gesamtschule. Hierbei erfolgten Umbesetzungen der Lehrer im Rahmen der Schulreform oft willkürlich und autoritär vom Kreisschulamt, denn jeder vierte Lehrer wurde im damaligen Kreis Nauen versetzt. Diese Versetzungen brachten zwar auch Veränderungen für die Betroffenen, sind aber nicht gleichzusetzen mit denen, die in den Betrieben schon entlassen waren.

Auf dem Gelände des Gerätebaus hatten sich nach dessen Abwicklung bereits die Firmen Mebatron (Partner von Siemens), Firma Janz und Strauß (Präzisionswerkzeuge), Firma ZEMO (Druckgußteile), Firma Protelecom (Übertragungstechnik) und die Firma Manteufel angesiedelt. Diese konnten jedoch zur damaligen Zeit nur einen Bruchteil der ehemals 600 Beschäftigen gebrauchen.

Im Gummiwerk Brieselang GmbH (Gubri) war die Belegschaft von ehemals 600 auf 196 zum Jahresende 1991 durch Entlassungen und Abschiebung in den Vorruhestand abgebaut worden.

Doch ein Hoffnungsschimmer war in Sicht. Im September 1991 war die Grundsteinlegung für den Bau der Großmannhalle (Firma Sichert) in der Fichtestraße. Bereits im März 1991 waren durch Verwaltungen die Weichen für die Bebauung gestellt. Dieses kunststoffverarbeitende Unternehmen sah vor, in den nächsten 2 bis 3 Jahren etwa 200 bis 250 Arbeitsplätze zu schaffen. Sollte dieses die positive Entwicklung in Brieselang einleiten!?

Und was passierte noch im Jahre 1991? Das Ehepaar Dr. Vödisch betreibt seit dieser Zeit eine privat geführte Zahnarztpraxis. Ebenfalls führt das Ehepaar Zug eine private Arztpraxis im ehemaligen Betriebsambulatorium. Weiterhin wurde die solange staatlich geführte Löwenapotheke nun von Pharmazierat Werner Malchow in private Regie genommen.

Im ehemaligen Fischgeschäft in der Bahnstraße 57d entstand ein Backwarenladen durch Bäckermeister Zabel aus Hoppenrade. Der SG Motor Brieselang wurde die Genehmigung erteilt, im Sport- und Freizeitzentrum die gastronomische Versorgung zu übernehmen (Sportlerklause).

Als Baumaßnahmen wären die Wärmeisolierung der Turnhalle und der Bau des Parkplatzes am Nymphensee zu nennen. Wegen zu geringer Inanspruchnahme erfolgte die Schließung der Fahrradaufbewahrung am Bahnhof. Die Schließung der Mülldeponie erfolgte ebenfalls 1991.

Ein weiterer Schwerpunkt des Jahres 1991 war der Beginn der Verlegung von Erdgasleitungen. Hier nahm Brieselang mit Bürgermeister R. Heynisch an der Spitze eine Vorreiterposition ein, denn unsere Gemeinde war die erste im Land Brandenburg, die diesen Weg beschritt. Die ersten gelben Rohre wurden vom Forstweg beginnend bis zur Schule verlegt. Die Unterquerung der Bahnlinie bereitete der ausführenden Baufirma besondere Schwierigkeiten. Dieser Schritt bedeutete die frühzeitige Umstellung von öffentlichen aber auch privaten Heizungsanlagen von den stinkend verbrennenden Braunkohlebriketts auf das umweltfreundliche Erdgas. Durch die Heizungsumstellungen bzw. der Installation neuer Anlagen wurden bei den örtlichen Handwerksbetrieben auf Jahre Arbeitsplätze geschaffen.



 

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