|
|
|
BK I/03 - 05.03.2000 |
|
Brieselanger Chronik von Arno Heinrich Heute: 60 Jahre Gummiartikel aus Brieselang |
|
Dort, wo sich heute der Arkadenmarkt befindet, begann vor 60 Jahren die Produktion von Gummiartikeln in der Brieselanger “Gummibude”, wie die Firma jahrzehntelang im Volksmund hieß. Die Herstellung von Gummiartikeln ist ähnlich die des Backens von Kuchen in einer Bäckerei, jedoch mit anderen Zutaten. Die Rezepturen der verschiedenen Gummimischungen müssen den Anforderungen der unterschiedlichen verwendeten Erzeugnissen entsprechen, denn die Eigenschaften Elastizität, Wärme- oder Kältebeständigkeit, Abriebfestigkeit, außerdem Säure- oder Ölbeständigkeit müssen in der Zusammensetzung Berücksichtigung finden. Wichtige Bestandteile von Gummi sind: Synthese-Kautschuk (Buna) und Naturkautschuk, Füllstoffe sind Ruß und Kreide, für farbigen Gummi auch Farbstoffe, hinzu kommen Weichmacher und Alterungsschutzmittel und das Vulkanisationsmittel Schwefel. Je nach Rezeptur wurden diese und weitere Bestandteile im Innenmischer zusammengeknetet und danach auf Walzen zu ca. 10mm starke Rohgummiplatten ausgewalzt. Vor der Weiterbearbeitung wird danach der Rohgummi im Labor geprüft. Der dann auf Scheren zugeschnittene Rohgummi oder die mittels Spritzen, ähnlich eines Fleischwolfes, gespritzten Rohgummistränge, wurden jahrzehntelang in der Presserei mittels Dampf beheizter Pressen und dem Artikel entsprechenden Handformen, ähnlich eines Waffeleisens, zu dem gewünschten Artikel gepresst bzw. ausvulkanisiert. Dies geschah bei einer Temperatur von ca. 150 bis 180°C und die Vulkanisationszeit betrug 10 – 25 Minuten. Ab etwa 1968 übernahmen dann nach und nach elektrisch beheizte Presswerkzeuge in Spritzgießautomaten die Arbeit der dampfbetriebenen Pressen. Bei den Automaten werden Rohgummistreifen mittels einer Schnecke durch Kanäle in das geschlossene Presswerkzeug gespritzt. Nach erfolgter Vulkanisation wird das Werkzeug geöffnet und es erfolgt wie auch früher die manuelle Entnahme des heißen Artikels. Eventueller Austrieb an der Nahtstelle des Artikels wurde meist von Frauen, in den 50er / 60er Jahren sogar in Heimarbeit, entgratet oder aber gestanzt. Kleinere Artikel werden durch Stickstoffvereisung in rotierenden Trommeln vom Austrieb befreit. Kontrollierte und gezählte Erzeugnisse wurden danach in Kisten, Kartons, Tüten, Säcke oder Gitterboxpaletten verpackt und danach per Bahn oder LKW zu den Kunden versandt. In der Nachkriegszeit wurden vor allem zeitentsprechende Artikel hergestellt, unter anderem Vollgummibereifung für Fahrräder, Zahn – und Handbürsten, Most- und Flaschenkappen, Stopfen für Arzneiflaschen und Besohlungsplatten für Schuhe. Später änderte sich das Sortiment auf z.B. Manschetten, Faltenbälge, Fahrradgriffe, Kettenschutzschläuche, Gummiknüppel, Stapelleisten, Dichtungsringe, Hohlkammerreifen und Bierfassreifen. Weit über 1000 Artikel wurden für 125 Kunden der unterschiedlichsten Industriezweige der DDR gefertigt. Doch wir werfen einen kurzen Blick auf die Anfänge des damaligen Industriestandortes der jungen Siedlung Brieselang. Am benannten Standort sollen ab 1920 Schlackesteine hergestellt worden sein. 1923 entstand eine Gießerei der Firma Weitzel und Co. mit ca. 20 Beschäftigten. Die Alu-Gießerei wechselte mehrmals den Besitzer, bis schließlich 1929 die Werkhalle und das Schmelz - und Kesselhaus von der Colemann GmbH übernommen und zu einer Filmwäscherei umfunktioniert wurde. Aus Filmen, Fotografischem Papier und Zelluloidabfällen wurde in dieser Chemischen Fabrik durch chemische Verfahren Silber zurückgewonnen. Da Firmeninhaber Paul Colemann und dessen Familie Juden waren, wurden Colemanns nach vollzogenem Zwangsverkauf (1938) des Unternehmens aus dem Reichsgebiet Deutschlands ausgewiesen. Die neuen Besitzer, die Gebrüder Otto und Fritz Krafft, rüsteten den Betrieb erneut um und seit etwa 1940 erfolgte nun die Herstellung von Gummiartikeln, in der mit dem Firmennamen „VIGOR” (lateinisch Kraft) bezeichneten Gummiwarenfabrik. Da die Besitzer Kraft die spätere sowjetische Besatzungszone verlassen hatten, wurde ab 1949 der Betrieb treuhänderisch verwaltet. Treuhänder ab dieser Zeit waren: Zimmermann, Retzlaff, Dubberke und Otho. Am 01.01.1951 ging der Betrieb in Volkseigentum über und wurde der VVB Kautas Leipzig unterstellt. Zu dieser Zeit zählte der Betrieb 129 Beschäftigte. Die Werkleiter Erwin Tietz und später Artur Weber hatten zwischen 1954 und 1958 schon für An- und Neubauten gesorgt. Es entstand das Maschinenhaus für die Pressdruckanlage, das Verwaltungsgebäude, (heute Kommunale Entwicklungsgesellschaft) und das Wirtschaftsgebäude mit Werkküche und Speisesaal. Doch die umfangreichsten Erweiterungen des Betriebs erfolgten in den Jahren 1960/65. Unter der Betriebsleitung von Heinz Werner entstanden ein neuer Rohbetrieb, ein neues Kesselhaus, der Gleisanschluss mit Rampe und ein neues Vulkanisationsgebäude. Ab 1.1.1969 wurde der Brieselanger Betrieb als Betriebsteil dem VEB Gummiwerke Berlin (Kombinat) angeschlossen und der langjährige technische Leiter Horst Böhme übernahm die Leitung des Brieselanger Betriebsteils mit 522 Beschäftigten. In den Folgejahren wurde das Betriebsgelände nach Westen ausgeweitert. 1969 wurde eine ehemalige Baracke zur Kegelbahn umgebaut, diese musste im Januar 1988 dem Bau der Zahnflachriemenhalle weichen. Als größere Neubauten entstanden 1973/75 die Stahlleichtbauhalle, 1975/80 der hintere Kopfbau, 1982/83 die Kalthalle und 1987/88 das Ausländerwohnheim. Dieses beherbergte von Dez. 1988 bis Sept. 1990 53 Mosambikaner, die zu dieser Zeit Beschäftigte des Gummiwerkes waren. In den Jahren 1987/89 wurde die Zahnflachriemenhalle erbaut, in dieser Halle war nun auch der Werkzeugbau untergebracht. Zwischen 1960 und 1990 entstanden außerdem folgende kleinere Bauvorhaben, so die Bürobaracke, Labor- und Lehrlingsbaracke, Garage, Elektrokarrenwerkstatt, Betriebsambulatorium, zwei Stabnetztonnen, Lagerräume und die Inbetriebnahme des Portalkranes. Zu DDR-Zeiten kamen die Beschäftigten hauptsächlich aus Brieselang und der nahen Umgebung. Oft arbeiteten gesamte Familien und deren Verwandtschaft im Betrieb. Wobei die beschäftigten Familien Hausen, Hecke, Koch und H. Müller aber auch Heuer, Noak und S. Müller verzweigte Clans bildeten. Im Rohbetrieb, in der Vulkanisation, im Prüflabor und im Kesselhaus wurde dreischichtig gearbeitet. Die Frauen konnten ihre Kinder im Betriebskindergarten "Gummi" während des Tages unterbringen. Die Unterbringung war kostenlos, nur für die Beköstigung wurde ein geringer Betrag erhoben. Die Belegschaft konnte für 0,70 Mark pro Tag am Werkessen teilnehmen. Der Betrieb bildete auch Lehrlinge aus, die nach der Ausbildung übernommen wurden. Die ärztliche Betreuung der Belegschaft erfolgte im Betriebsambulatorium durch Betriebsarzt, Zahnarzt, Schwestern und Masseuse. Heute ist dort die Praxis Zug, Urlaubsreisen standen der Belegschaft in beschränktem Maße durch betriebliche Ferienobjekte und durch den Feriendienst der Gewerkschaft (FDGB) preisgünstig zur Verfügung. Für Kinder konnten die Betriebsferienlager genutzt werden. Die Konfliktkommission war ein gewähltes Organ im Betrieb. Ihre Beratungen betrieblicher Rechtsstreitigkeiten fanden öffentlich statt. Durch kritische Auseinandersetzungen wurde auf Rechtsverletzer erzieherisch eingewirkt. Bevor das Kreisgericht in Anspruch genommen werden durfte, mussten Beratungen und Entscheidungen der Konfliktkommission schon erfolgt sein. Etwa 10 % der Belegschaft gehörten der SED an, die Mitglieder waren in der Betriebsparteiorganisation (BPO) zusammengeschlossen. Die Mitgliedschaft der Belegschaft im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) war fast 100%. Ab 1945 bis Herbst 1990 bekleideten folgende Betriebsangehörige den BGL-Vorsitz: Fianke, H. Neumann, G. Siegert, Machledt, W. Koch und H. Kruschinski. Der Betriebskollektivvertrag (BKV) war eine jährlich abgeschlossene Vereinbarung zwischen dem Direktor des Betriebes und der Betriebsgewerkschaftsorganisation (BGL). Der Entwurf wurde vor der Bestätigung mit der Belegschaft in Versammlungen beraten. Der BKV bildete die Grundlage für die Planerfüllung und für die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen. Als Anlage enthielt er den Frauen- und Jugendförderungsplan. Außerdem enthielt er die Liste der Arbeitserschwernisse und die Urlaubsvereinbarungen. Weiterhin schuf der BKV Festlegungen über die Verwendung des Kultur- und Sozialfonds (K.- u. S-Fonds). Allein der Kultur- und Sozialfonds hatte z.B. im Jahre 1977 ein Volumen von mehr als 300.000 Mark und gliederte sich wie folgt: Arbeiterversorgung: Werkküche, Kantine kulturelle Betreuung: Bibliothek, Kulturraum, Theaterveranstaltungen, Fotozirkel, Diskothek, Musikgruppe, Kabarettgruppe “Die Rohlinge”, Brigadearbeit, Betriebsfestspiele, Tag des Chemiearbeiters, Internationaler Frauentag und sonstige Foren Gesundheitswesen: Betriebsambulatorium sportliche Betreuung: Kegelbahn, BSG-Chemie, Betriebsfußballmannschaft, Massensport, Jugendarbeit Kinderbetreuung: Kindergarten, Kinderweihnachtsfeier, Namensgebung, Jugendweihe, Kinderferienbetreuung Ferienbetreuung der Objekte: Dranske, Bellin, Leibsch, Pricgovice /CSSR und Bermbach soziale Betreuung: bei Krankheit, Notlage und Todesfall und Hochzeiten, Rentenbetreuung, Arbeitseinsätze, Qualifizierung, kinderreiche Familien, Arbeitsjubiläen Wohnungswesen: AWG-Brieselang sonstige Verwendung: NVA-Angehörige, Reservistenkollektiv, Kampfgruppe, Zivilverteidigung, Betriebsfeuerwehr, BPO, Arbeiter-Bauern-Inspektion, Deutsch-Sowjetische-Freundschaft, Polytechnische Oberschule, UTP-Schüler und Fonds des Betriebsdirektors Es wurden somit folgende Festlegungen getroffen: Arbeiterversorgung: 106.000 M kulturelle Betreuung: 41.000 M Gesundheitswesen: 13.500 M sportliche Betreuung: 22.700 M Kinderbetreuung: 56.900 M Ferienbetreuung: 22.000 M soziale Betreuung: 22.800 M Wohnungswesen: 1.000 M sonstige Verwendung: 15.600 M Zusätzliche Einkünfte brachte die Jahresendprämie, die etwa einem Monatsnettoverdienst entsprach. Außerdem wurden für zusätzliche Arbeiten oder in der Prämienordnung festgelegte Einzel- oder Kollektivprämien gezahlt. Ebenso gab es Vergütungen nach erfolgter Nutzung von Neuerervorschlägen. Besonders erschwerte Arbeitsbedingungen bestanden für alle Abteilungen des Rohbetriebes durch Ruß, Lärm, Staub und schweres Heben, ebenso in allen Abteilungen der Vulkanisation durch Hitze, Dämpfe und schweres Heben. Die Vergütung dieser und weiterer Betriebsabteilungen erfolgte nach einer Liste der Arbeitserschwernisse. Die Höhe der Zuschläge betrug 0,07 Mark bis 0,36 Mark pro Stunde. Am 1. Juli 1990, also am Tag der Währungsunion, schied der Brieselanger Betriebsteil aus dem Kombinat Berlin und wurde mit ca. 600 Beschäftigten unter dem Namen Gummiwerk Brieselang GmbH (GUBRI) eigenständig. Die Geschäftsführung lag bei Horst Böhme und Manuela Finis. Zu dieser Zeit herrschte in der Firma ein noch verhaltener Optimismus, doch die Umstellung der Konten von Mark in D-Mark (2:1) verschlechterte die Marktlage Zusehens, langjährige Inlandskunden gingen verloren, gelieferte Artikel wurden von anderen nur zögerlich bezahlt. Gespräche bezüglich einer Teilhaberschaft mit Continental und anderer Interessenten scheiterten. Ende November 1990 wurde nun ein Betriebsrat gewählt. Betriebsratsvorsitzender wurde Siegfried Cizek, sein späterer Nachfolger Wolfgang Grimm. Ein Sozialplan wurde erstellt, es kam zur Kurzarbeit, ältere Arbeitnehmer traten in den Vorruhestand und es erfolgten die ersten Entlassungen. Ende 1991 waren von den anfangs 600 Beschäftigten nur noch 196 im Werk tätig. Ab 1. Januar 1992 war die Treuhandanstalt Berlin alleiniger Gesellschafter. Die Aufgabe der Treuhand bestand nun darin, ehemaliges Volkseigentum in Privateigentum umzuwandeln, doch einen Käufer für das gesamte Werk zu gewinnen, scheiterte. Die Firma BRUSS aus Hoisdorf erwarb die neuerbaute Zahnflachriemenhalle, die Kalthalle und das umliegende Gelände. Automaten wurden aus der ehemaligen Vulkanisation nach und nach in die inzwischen leergeräumte Zahnflachriemenhalle umgesetzt. Am 1. Juli 1992 wurde offiziell die Produktion von Gummiartikeln mit 80 übernommenen Kollegen von der Firma BRUSS aufgenommen. Am 1. September 1992 hat die Gemeinde Brieselang, in Forma “Entwicklungsgesellschaft Brieselang GmbH” den Rest des Gummiwerkes gekauft, Geschäftsführerin ist Christine Otto. Die noch vorhandenen 60 ehemaligen Kolleginnen und Kollegen wurden von der “Arbeitsförderung Brieselang GmbH” übernommen und traten ab 1. September 1992 für ein Jahr eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) an, um den bevorstehenden Abriss des Rest-Werkes vorzubereiten und zu begleiten. Die von ihnen demontierten Maschinen und Anlagen wurden teils verschrottet oder sogar nach Ägypten und China verkauft. Das Inventar wurde aus allen Räumen entfernt, nagelneue Lagerbestände wurden verschleudert, vieles landete in den Müllcontainern. Die Schlagworte dieser Zeit lauteten “alles ist marode und kontermeniert”. Und tatsächlich, bei Bodenproben stellte sich heraus, das im Bereich der Vulkanisation Hydrauliköl versickert war, aber auch an anderen Stellen des Betriebsgeländes wurden ebenfalls Schadstoffe festgestellt, später erfolgte dort ein Erdreichaustausch. Im April 1993 begann der Abriss der Gebäude durch die Firma Sprengtechnik Magdeburg, der bis Herbst 1993 andauerte. Folgende Gebäude blieben vom Abriss verschont: Ausländerwohnheim: heute RW80-Gebäude; Bibliothek; Verwaltungsgebäude: heute Kommunale Entwicklungsgesellschaft mbH und Wohnbaugesellschaft mbH Elektrokarrenwerkstatt: heute Metallbau Preußner Zahnflachriemenhalle und Kalthalle: heute Firma BRUSS.
Das Werk Brieselang der Dichtungstechnik G. BRUSS GmbH u. Co. KG setzt die jahrzehntelange Tradition der Herstellung von Gummierzeugnissen in Brieselang fort, es sind vor allem Dichtungsringe in den unterschiedlichsten Abmessungen z.B. für die Fahrzeugindustrie. Zur Zeit sind etwa 130 Arbeitnehmer im Brieselanger BRUSS-Werk beschäftigt, die Geschäftsführung liegt bei Dr. Floßmann, Betriebsratsvorsitzender ist W. Nowakowski. |
|
|
|
|
|
Bitte beachten Sie auch folgende Nutzungsbedingungen. Jedes Kopieren oder Veröffentlichen in anderer Form ist untersagt. Werbung und |