BK II/05 - 18.05.2001

Brieselanger Chronik von Arno Heinrich

Heute: Illegale Bahnübergänge und Schleichwege

Durch die zunehmende Mobilität mit Pkw und unzähligen Fahrrädern für Jung und Alt werden längere Wegstrecken innerhalb unserer großflächigen Gemeinde heute relativ schnell bewältigt. Als jedoch die täglichen anstehenden Wege oft gar zu Fuß oder nur mit dem Fahrrad bewältigt werden mussten, entstanden zu den regulären Straßen recht schnell abkürzende Schleichwege. Für viele Erwachsene war der Weg zum Bahnhof oder zu den örtlichen Betrieben und zu sonstigen Einrichtungen das alltägliche Pensum. Für die schulpflichtigen Kinder war es der Weg zu Schule.

Der sogenannte wilde Bahnübergang an der Langen Straße (heute Tunnel) bildete einen zentralen Punkt, denn dort war ständig Hochbetrieb. Erwachsene und Schulkinder schleppten dort ihre Fahrräder über die Schienen, Weichen und Signalstränge. Auch ältere Bewohner stolperten gestützt auf Krückstöcken über den Schotter. Kinderwagen und Fahrradanhänger wurden mit Hilfe von Hinzukommenden gemeinsam hinüber getragen.

Um dieses zu verhindern, wurden Gräben beiderseits der Bahnlinie ausgehoben. Doch nach einiger Zeit waren diese wieder eingeebnet. An manchen Tagen stand auch Transportpolizei an besagter Stelle und versuchte Bußgelder zu kassieren. Dann wurde der Übergang gemieden. Doch war die Luft wieder rein, ging alles wieder seinen gewohnten Lauf und dies länger als ein halbes Jahrhundert.

Wer z.B. vom Bahnhof zum Schlangenhorst musste, benutzte den schmalen Weg nördlich längs der Bahnlinie, überquerte wie beschrieben die Gleise an der Langen Straße und ein schmaler Steig führte südlich der Bahn weiter und schräg über den Acker zum Schlangenhorst. Wer jedoch von der Langen Straße zur Bredower Allee musste überquerte ebenfalls den wilden Bahnübergang und ein schräger Weg führte über den sogenannten Fuhrpark . Wer dort in früheren Zeiten eine Pause einlegen wollte, tat dieses an der "Dicken Eiche". Um diese Eiche, die am Ende des Forstweges bzw. am Beginn der Bredower Allee bis etwa 1948 stand, befand sich eine Bank rings um den gewaltigen Stamm.

Zwei weitere schmale Pfade über die Bahnlinie waren jeweils kurz vor bzw. hinter dem Bahnhaus. Diese waren jedoch erst etwa 1978 entstanden, nachdem der auf der südlichen Bahnseite ungenutzt liegende Bahndamm abgefahren worden war. So bestand seit dieser Zeit von der Rotdornallee eine schnelle Verbindung zur damaligen Kegelbahn an der Maxim-Gorki-Straße und dann weiter nach Brieselang Süd. Benutzte man den Schleichweg westlich des Bahnhauses erreichte man nach Überschreiten der Bahnlinie die Märkische Straße und bei weiterer Wegstrecke die Konsumkaufhalle am Forstweg oder die westlich stehenden AWG-Wohnblöcke. Wenn jedoch auf dem Nebengleis ein langer Güterzug stand, war ein Überschreiten unmöglich.

Bis Ende der 50er Jahre bestand ein abkürzender Fußweg, der natürlich auch von Radfahrern benutzt wurde, nämlich von der Bahnschranke Wustermarker Straße südlich am Bahndamm entlang. Der Weg erreichte schließlich das Eichenwäldchen, welches schräg durchquert wurde. Am Ende dieses Fußweges standen damals noch hohe Kiefern, heute die 1970 erbaute und nun marode Kaufhalle am Forstweg. Die Erweiterung des Gummiwerksgeländes bzw. die Verlegung eines Gleisanschlusses auf das Betriebsgelände Anfang der 60er Jahre unterbrach den abkürzenden Weg. Als Abkürzung zwischen Forstweg und Vorholzstraße verlief in früherer Zeit ein schmaler Fußpfad entlang des Entwässerungsgrabens. Er begann am ehemaligen Rathaus (heute Kita Sonnenschein) und endete am heutigen Wasserwerk bzw. Pumpstation.

Wer mit dem Fahrrad oder zu Fuß zum Friedhof abkürzen wollte, benutzte meistens den schmalen Weg, der am Ende der August-Bebel-Straße begann. In etwa 400m erreichte der Pfad den Wald, führte dann östlich am Karpfenteich vorbei. Er ging weiter unter alten Buchen und stieß in Nähe des Forsthauses auf den Hauptweg, der zum Friedhof führt. Diese Abkürzung wurde durch die Schaffung der Umgehungsstraße Zeestower Chaussee – Finkenkruger Straße 1996 unterbrochen.

Vor Jahrzehnten wohnten noch mehrere Bauernfamilien im Vorwerk Glien. Kinder, die von dort zur Brieselanger Schule mussten und auch Erwachsene, die in unserem Ort etwas zu erledigen hatten, benutzten einen schmalen Weg durch Wiesen und Felder und erreichten endlich die Brücke, die den Havelkanal überspannte (1997 abgerissen). Doch hier war erst ein Drittel des Weges bewältigt, denn Fichtestraße und Karl-Marx-Straße lagen noch vor ihnen.

Glücklich konnten die Kinder sein, die damals ein Fahrrad besaßen, denn bei kinderreichen Familien war dieses keine Selbstverständlichkeit. Ebenso ging es den Kindern, die vom Vorwerk Bredow zur Schule mussten. Ohne Fahrrad war auch dieses eine weite Strecke und oft wurde der Weg abgekürzt, indem mehrere Male die Bahnlinie südlich bzw. nördlich überschritten wurde, um ausgetretenen Wegen zu folgen. Dieses ist Jahrzehnte her, jedoch die im Ortsgebiet beschriebenen illegalen Bahnübergänge existiert noch bis Mitte der 90er Jahre. Ein Überschreiten war besonders gefährlich bei Nebel, Schneetreiben und in der Dunkelheit.

Der Ausbau der Eisenbahnlinie Berlin – Hamburg beim Verkehrsprojekt Deutsche Einheit 2 im Jahre 1996/97 verbunden mit der Aufstellung der Schallschutzwände machen das Überschreiten der Bahnanlagen im Ortsbereich endlich unmöglich. Nach den umfangreichen Bauarbeiten an der Eisenbahnstrecke hat Brieselang nun anstatt der früheren zwei regulären Querungsmöglichkeiten, nämlich die Schrankenanlage Wustermarker Straße und der Bahnunterführung am Havelkanal nun vier Möglichkeiten um von Brieselang Nord nach Süd zu gelangen. Dieses sind die ausgebaute Unterführung am Havelkanal, der Fuß- und Radwegtunnel Lange Straße –Schillerstraße, der Fuß- und Radwegtunnel am Bahnhof und die Überführung der Bahnlinie durch die Ortsumgehung Finkenkruger Straße –Zeestower Chaussee.



 

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