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BK I/06 - 04.06.2000 |
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Brieselanger Chronik von Arno Heinrich Heute: Brieselanger Grundstücke - zu 80% von Rückübertragung betroffen! |
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An den ersten Tagen nach dem Fall der Mauer (9. Nov. 1989) aber auch am 13. Nov. 1989, als der Grenzübergang an der Spandauer Straße in Falkensee geöffnet wurde, bereiteten die Westberliner den Falkenseern und auch den Brieselangern einen herzlichen Empfang. Da die Westberliner ab Weihnachten 1989 ebenfalls ohne jegliche Genehmigungsprozeduren die Grenzübergänge zur DDR passieren durften, organisierte ein sogenannter Brückenstab für den 1. Januar 1990, als herzliches Dankeschön, die Brücke der Sympathie. An diesem Neujahrsvormittag trafen sich auf der Straße zwischen Falkensee und Spandau etwa 100.000 Bürger aus Ost und West. Fremde Menschen lagen sich in den Armen, es flossen Freudentränen, es wurde gejubelt und gelacht. Auf der etwa vier Kilometer langen Straße gab es mehrere Veranstaltungspunkte mit buntem Programm. Auch der Brieselanger Männerchor “Harmonie” war mit einigen Liedern im Programm. An mehreren Ständen wurden unentgeltlich belegte Brötchen, selbstgebackener Kuchen und Getränke angeboten. So war z.B. auch die Brieselanger Gaststätte Liesch ebenfalls mit einem kleinen Ausschank vertreten. Doch für diejenigen Einwohner von Falkensee, Dallgow, Schönwalde, Brieselang u.s.w., die in einem staatlich verwalteten Hause, also auf einem sogenannten Westgrundstück wohnten, war es bald aus mit Lustig. Es dauerte nicht sehr lange und plötzlich standen Alteigentümer oder deren Erben am Gartentor. Diese wunderten sich meistens über den schlechten Bauzustand des Hauses oder suchten vergeblich eine Laube, die sich auf einem Foto von 1950 nicht verändert hatte, in Wirklichkeit aber längst verfallen war und an deren Stelle ein neuer Bungalow nun stand. Lange Schlangen bildeten sich in den Grundbuchämtern. Hier ging es um Grundbucheinsichten, Erbscheine und endete schließlich mit dem Antrag der Regelung der offenen Vermögensfrage. Wie sich im Laufe der Zeit nun herausstellte, wurden an 80% der Brieselanger Grundstücke Rückübertragungsansprüche gestellt. Dieses untergliederte sich in 300 Pachtgrundstücke, etwa 150 ehemals volkseigene Grundstücke sowie 200 Häuser. Um die Zusammenhänge verstehen zu können, weshalb so viele Grundstücke in westlichem Besitz sind, müssen wir über 50 Jahre zurückblicken. Am 23. April 1945, einen Tag vor dem Einmarsch der Roten Armee, kam es zur ersten Fluchtwelle, vor allem von dem Personenkreis, der dem damaligen NS-Regime sehr nahe stand. Diese Familien verließen ihr Eigentum und deren Häuser wurden nun an andere Familien vermietet oder für kommunale Zwecke genutzt. Nach der Währungsreform 1948 bestanden nun in den westlichen Besatzungszonen und Westberlin sowie in der sowjetischen Besatzungszone und Ostberlin zwei unterschiedliche Zahlungsmittel, allgemein betitelt als West- und Ostgeld. Vor allem in Berlin schufen die unterschiedlichen Währungen zwangsläufig Probleme. Der kalte Krieg verschärfte sich, es kam zur Blockade, große und kleine Schiebereien setzten ein, wobei die Randgebiete von Berlin in den Strudel des Großstadtgeschehens einbezogen wurden. Ab 1. Juni 1952 war es laut Verordnung der DDR den Westberliner Bürgern verboten, ins Berliner Umland zu fahren. Ständige Personalausweiskontrollen an den Grenzbahnhöfen (in unserem Gebiet war es Falkensee, später Albrechtshof) verhinderten eine Einreise ins Gebiet der DDR. So konnten die Westberliner ihre Laubengrundstücke, die sie über Jahre bewirtschaftet hatten, nicht mehr aufsuchen. Die Folgen waren: die Gärten verwilderten und die Lauben zerfielen. Später erfolgte eine Verpachtung meistens an Ostberliner durch die Gemeinde Brieselang. - Die zuvor erwähnte Verordnung betraf jedoch nicht die DDR-Bürger, diese durften weiterhin die Stadtgrenze Berlins durch Vorzeigen ihres Personalausweises bis zum Mauerbau am 13. August 1961 ungehindert passieren, mussten jedoch mit unangenehmen Zollkontrollen rechnen. - Der Anreiz des Westgeldes brachte es mit sich, dass immer mehr Arbeitnehmer aus den Randgebieten, so auch aus Brieselang, eine Arbeit in Westberlin aufnahmen, denn die Bezahlung erfolgte in der Regel zu einem Drittel in Westgeld und zu zwei Dritteln in Ostgeld. Der Umtausch des Westgeldes in Ostgeld zu einem Wechselkurs von einer Westmark zu fünf bis sechs Ostmark bzw. umgekehrt in Westberliner Wechselstuben, brachte Neid und Missgunst unter der hiesigen Bevölkerung. Der als Grenzgänger bezeichnete Personenkreis wurde von den DDR-Behörden immer härter angegriffen. In der Märkischen Volksstimme vom 19. April 1956 werden unter der Überschrift “Grenzgänger sind Schmarotzer am Aufbau der DDR” folgende Maßnahmen erwogen: “Bei Bewohnern der DDR und des demokratischen Sektors, die im Westsektor arbeiten, alle anfallenden Gebühren in DM - West zu erheben. Darunter muss fallen: Miete, Strom-, Gas- und Wassergeld sowie sämtliche Steuern und alle regelmäßigen wiederkehrenden Ausgaben wie Radio, Schornsteinfeger usw.” - Diese Androhungen für den genannten Personenkreis und weitere die Allgemeinheit betreffende Umstände, wie die schlechte Versorgung anfangs noch mit Lebensmittelkarten, massive mehrmalige Werbungsgespräche für die damals noch freiwillige Volksarmee in den Betrieben, außerdem mehrtägige Ernteeinsätze der Industriearbeiter bei der LPG, waren Gründe, dass viele junge, ausgebildete Menschen sowie gesamte Familien bis zum Mauerbau 1961 die Gemeinde Brieselang nach Westberlin verließen. Die verlassenen Häuser und Grundstücke wurden nun staatlich verwaltet und an wohnungssuchende Familien vermietet. Im Laufe der Jahrzehnte verstarben oft die Eltern der damals geflüchteten jungen Menschen und so wurden auch diese Häuser und Grundstücke in die staatliche Verwaltung einbezogen. Nach dem Fall der Mauer hatte sich nun eine fatale Situation gebildet. Die Differenzen zwischen Alteigentümern und den Mietern und Pächtern auf den sogenannten Westgrundstücken verschärften sich. Es wurde mit Rauswurf gedroht, Mieterhöhungen wurden verlangt, obwohl es noch keine gesetzliche Grundlage gab. Oft wurden von westlicher Seite Rechtsanwälte eingeschaltet und Briefe mit überzogenen Forderungen erreichten die Betroffenen. Die Gemeindeverwaltung war zu dieser Zeit ebenfalls nicht in der Lage, den Betroffenen stichhaltige Antworten zu geben. Am 21. Juli 1990 berichtete die Märkische Volksstimme: “Bürgerinitiative zum Mieterschutz in Brieselang ins Leben gerufen.” Diese Bürgerinitiative führte nun mehrere öffentliche Versammlungen durch. In Sprechstunden schilderten Betroffene ihre konkrete Situation und Herr Erich Brunne vom Mieterschutz gab Hinweise und Ratschläge. Im April 1991 hatte diese Vereinigung der Mieter, Siedler, Pächter und Nutzer von Wohnungen und Grundstücken in Brieselang e.V. schon 200 Mitglieder erreicht und damals mit steigender Tendenz. Somit konnte der Verein vieles in gesetzliche Bahnen lenken, doch die Forderung, Entschädigung vor Rückgabe, trat nicht ein. Inzwischen ist in den meisten Fällen eine Entscheidung zugunsten der Alteigentümer gefallen. Diese bewohnen nun wieder ihren Besitz oder haben diesen verkauft, etliche Häuser wurden abgerissen und an deren Stelle sind neue erbaut worden. Die ehemaligen Mieter der Westgrundstücke bezogen neu erbaute Wohnungen bzw. verließen Brieselang. A.H. |
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