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Eigentlich ist es eine alte Brieselanger Straße im Norden des Ortes. Doch sie ist auch geprägt von einer in den letzten drei Jahren neu entstandenen Siedlung, die normalerweise eine eigene Straße hätte werden können, wenn sie nicht eine Privatstraße wäre. So bildet die Adolf-Stoecker-Straße aus der Vogelperspektive ein etwas unförmiges “T” und verbindet den Simmelweg mit der Barlachstraße. Wenn einer nach einem Umzug etwa eine neue Adresse erhält, fragt sich der durchaus, wer war denn der, nach dem meine Straße benannt ist. Manch einer ist da in letzter Zeit erschrocken zusammengezuckt und hat für sich gemurmelt: “Nach so einem ist meine Straße benannt?”
Sehen wir mal genauer hin.
Adolf Stoecker wurde am 11. Dezember 1835 als Sohn eines Schmiedes und späteren Wachtmeisters in Halberstadt geboren. Er gehörte zu den bedeutendsten Gestalten des deutschen Protestantismus in der 2.Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er war aber auch einer der umstrittensten Kirchenmänner, der von seinen Anhängern ebenso stark verehrt wurde wie von seinen Gegnern bekämpft. Haß oder Liebe, ein Drittes gab es nicht.
Er studierte in Halle und Berlin Theologie und avancierte 1874 nach Tätigkeiten als Hauslehrer und Feldprediger zum vierten Hofprediger an den Hof von Kaiser Wilhelm I. In den Jahren 1878 bis 1890 stellte sich Stoecker voll in den Dienst der selbstgewählten Aufgabe, die aufstrebende Sozialdemokratie zu bekämpfen. Dies ging einher mit einem ausgeprägten Antisemitismus. Kaiser Wilhelm der II. ertrug dies nicht und löste ihn kategorisch ab.
Inzwischen war Stoecker aber auch langjähriger Reichstagsabgeordneter und Vorstandsmitglied der Konservativen Partei, ja dessen reaktionärstem Flügel, der “Kreuzigungspartei”. Stoecker nutzte seine Stellung bei Hof und in der Kirche aus, extrem konservative und antisemitische Ziele zu verfolgen. Zeitweilig erntete er einen großen Zulauf zu seinen Versammlungen. Er befand sich damit zwar in einer dem damaligen Zeitgeist entsprechenden Richtung, aber akzeptieren muss man es heute dennoch nicht.
Er gilt schlichtweg als der Wegbereiter des Antisemitismus in Deutschland. Sein Gedankengut hat ein Hitler aufgegriffen und in seinen Werken nachhaltig gemacht. Deutlich wird dies an seinem berühmt berüchtigten Vortrag aus dem Jahr 1879 in dem sagt: “Wir bieten den Juden den Kampf an bis zum völligen Siege und wollen nicht eher ruhen, als bis sie hier in Berlin von dem hohen Postament, auf das sie sich gestellt haben, herabgestürzt sind in den Staub, wohin sie gehören.” Damit wurde er zum Auslöser einer maßlosen Attacke gegen alles Jüdische. Unerträglich ist es, wenn eine Straße in Brieselang nach solch einem Manne benannt ist.
Stoecker hatte jedoch auch eine andere Seite. Er widmete sich nach seinem Amtsantritt als Hofprediger sozialer Arbeit, die sein Lebenswerk auch motivierte. Er gilt als einer der Begründer der Berliner Stadtmission und war deren erster Direktor seit dem 9. März 1877. Ideenreich versuchte er das Ideelle mit dem Materiellen zu verbinden. Stoecker initiierte die sogenannte “Schrippenkirche” in der Ackerstraße. Nach dem Gottesdienst wurde hier Arbeitslosen ein Topf Kaffee und zwei Schrippen ausgeteilt. Die von ihm geschriebenen und vervielfältigten “Pfennigpredigten” erreichten zeitweise eine Auflage von 130 000 Exemplaren. Die Kurrenden – sieben Chöre mit jeweils 15 Schülern –sangen mehrmals in der Woche auf Berliner Höfen und wurden von den Berlinern als “Stoeckers wilde verwegene Jagd” bezeichnet.
Aus der Stadtmission entwickelte sich eine weitgefächerte Arbeit der Diakonie, die sich der Kranken, Behinderten und sozial benachteiligten Gruppen annahm.
Stoecker starb am 7. Februar 1909 in Gries bei Bozen und wurde in Berlin-Kreuzberg bestattet.
Was von ihm bleibt ist, dass er einer der ärgsten Judenhasser war. Sein Gedankengut hat unter Hitler hunderttausenden Menschen das Leben gekostet. Sein Antisemitismus hat bis in die Neuzeit hinein Fuß fassen können. Gleichzeitig war er mit seiner Stadtmission allen Bedürftigen Hilfe und Unterstützung. Der Graben aber ist zu tief, als dass das eine das andere so einfach aufwiegen könnte.
I.E.G.
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