|
Unserem bewährten Chronisten Arno Heinrich und der eifrigen Kurierredakteurin Ingrid Ettelt-Gehlke möchte ich nicht ins Handwerk pfuschen. Beide machen ihre Aufgabe gut. Doch heute melde ich mich zu Wort, da nur noch wenige die folgenden Fakten kennen.
Brieselang besitzt eine Elisabethstraße. Sie erhielt den Namen gleich nach dem Kriege und sollte, wie schon vorher geplant, eine Verbindung zwischen dem Pausiner Weg und der Langestraße werden und etwa parallel zwischen Falkenstraße und Paul-Singer-Straße verlaufen (siehe Straßenplan von 1948 bzw. 1991). Neuere Pläne weisen dann aus, daß aus ihr in den folgenden Jahren zwei sich entgegenlaufende Sackgassen wurden, nämlich der Mozartweg und der alte kurze Teil der Elisabethstraße. Eine kurzsichtige Ortsentwicklung, wie wir sie mehrfach finden. Oft wird sich diese Fehlplanung kaum noch revidieren lassen.
Zuerst mag man denken: Elisabethstraße? Wo ist die Kaiserin-Augusta-Straße oder Königin-Luise-Straße? Nichts davon! Brieselang hat zwar u.a. eine Vogel-, Philosophen-, Dichter- oder Musikersiedlung, doch ein Siedlungsteil mit Königinnennamen würde gar nicht in den Ort passen. Diese Straße wurde einer jungen Frau und Mutter gewidmet, die selbst in Brieselang nur wenigen bekannt war: Elisabeth Bethge.
Elisabeth, Magdalene, Auguste Bethge geb.Hoffmann wurde am 29. Juli 1905 in Berlin Zehlendorf geboren. Sie trat der kommunistischen Jugendbewegung bei, war 27 Jahre als Hitler an die Macht kam und ging in den Widerstand. Einzelheiten über ihren Kampf gegen dieses Regime kenne ich leider nicht mehr. Ich weiß nur noch, daß sie inhaftiert wurde und während der Haftzeit an Tuberkulose erkrankte. Deshalb wurde sie entlassen und starb am 6.8.1943 in ihrem kleinen Häuschen in der nach ihr benannten Elisabethstraße. Sie ruht auf dem Brieselanger Friedhof.
Ganz in ihrer Nähe liegen mehrere unbekannte Kriegsopfer aus den Jahren 1943-1945. Teilweise wurden sie im Massengrab beigesetzt. Die ehemalige Lehrerin Frau Johanna Hömke erzählte mir: Etwas westlich der alten Bahnschranke waren russische Kriegsgefangene unter strenger Bewachung im abgestellten Güterwaggon untergebracht. Sie wurden von dort täglich zur Arbeit gebracht. Viele starben an Hunger, Kälte und Krankheiten. Aber auch 8 Kindergräber (6 französische und 2 serbische) sind dort. Deren Mütter waren zur Arbeit nach Deutschland zwangsverpflichtet und lebten in lagerartigen Unterkünften in den Sälen einiger Gaststätten. Sie fuhren jeden Tag mit dem Zug nach Berlin zur Arbeit. Vor wenigen Jahren wurde aus all diesen Gräbern eine große Grabanlage gestaltet. Diese Verstorbenen ruhen nun unter grünem Rasen. Ein Gedenkstein erinnert an sie. Er ist von Blumen und immergrünen Gehölzen umgeben. Der Bund der Kriegsgräberfürsorge stellt Mittel zur Verfügung und unser Friedhofsmeister Wilfried Doerschel läßt es sich nicht nehmen, dieser Pflegeaufgabe aus Überzeugung gerne und gewissenhaft nachzukommen. Der Brieselanger Friedhof ist durch seine Arbeit eine geschmackvoll angelegte, stets gut gepflegte Oase. Herr Doerschel ist dort jetzt nur noch die einzige fest angestellte Vollzeitkraft mit wechselnden zeitweilig zugewiesenen Helfern. So können wir seinen Einsatz für dieses Gelände, auf dem die meisten von uns einmal ruhen werden, nicht hoch genug einschätzen. Möge er stets Lust und Kraft für diese wichtige Aufgabe behalten.
Doch nun etwas aus der Brieselanger Schulgeschichte. Leider wurde keine Schulchronik geschrieben, deshalb muß ich mit nur wenigen Unterlagen etwas aus der Erinnerung hervorholen.
Es war zu der Zeit (um 1970) selbstverständlich, daß ein Klassenlehrer viel unbezahlte Arbeit neben der üblichen Pionier- und FDJ-Arbeit leisten mußte. Eine Klassenleiterstunde gab es noch nicht! So erhielten Klassenverbände von den hauptamtlichen Pionierleitern der Schule zusätzlich noch Forschungsaufträge für das laufende Schuljahr. Die Klasse 8b, Klassenlehrer Frau Monika Hanselmann, mußte z.B. das Leben von Dr. Georg Benjamin erkunden. Das damalige Staakener Krankenhaus war nach ihm benannt worden. Er war Jude und KPD-Mitglied und kam im KZ Mauthausen ums Leben. Wer konnte über sein Leben besser Auskunft geben als seine Frau Prof. Dr. Hilde Benjamin, die zu der Zeit schon 66 Jahre alt und nicht mehr Justizministerin war. Dieser Auftrag wurde mit dem Ende des Schuljahres abgeschlossen. Der Wunsch von Frau Professor (wie wir sie stets anredeten) war, daß ein Forschungsauftrag über das Leben von Elisabeth Bethge aufgenommen werden sollte.
Da ich wegen Zusammenlegung der beiden 8. Klassen die Klassenleitung für 9 und 10 erhielt, kam mir diese Pflicht zu. Wir trafen uns im Laufe des Schuljahres mehrfach auf ihrem Gartengrundstück in der Elisabethstraße. Ich kannte sie vorher aus Fernsehsendungen als verbitterte, gnadenlose Richterin in mehreren Schauprozessen, deshalb war ich bei den Gesprächen nie ganz frei von Beklemmungen. Den Schülerinnen (es waren nur Mädchen, die zu diesen Arbeitsgesprächen mitkamen, obwohl die Klasse 21 Jungen und nur 14 Mädchen hatte) erging es nicht so. Sie waren weniger voreingenommen und gehemmt.
Frau Benjamin berichtete uns: Viele verfolgte Juden und Widerstandskämpfer haben sich damals in Berliner Laubenkolonien versteckt und so überlebt. Sie wurde als KPD-Mitglied und Frau eines Judens schon 1933 aus der Rechtsanwaltschaftskammer ausgeschlossen, bekam Berufsverbot und lebte zeitweilig bis 1945 in der Illegalität. Bis zum Kriegsende war sie mit ihrem Sohn in ihrer kleinen Laube in der Elisabethstraße untergetaucht. Ihr gegenüber lebte bis zu deren Tod auch ihre Freundin Elisabeth Bethge mit ihrem kleinen Jungen. Damals war diese Ecke Brieselangs sehr abgeschieden und fast unbewohnt.
Frau “Professor” (die Berliner Humboldt Universität hatte ihr ehrenhalber 1952 diesen Titel verliehen) brachte uns u.a. mehrere Bilder mit, die sie und ihre Freundin in ihrem Jugendverband in den Zwanziger- und Anfang der Dreißigerjahre zeigten. Unser damaliger Werklehrer Gerhard Schulz fertigte für uns in seiner Freizeit Rahmen für Schautafeln an. Verglasung konnten wir uns dafür nicht leisten. So wurden sie mit Klarsichtfolie (damals auch eine Mangelware!) überzogen, die uns Frau Professor in Berlin besorgte. Die Bilder wurden ausführlich kommentiert, so daß sich ein umfassender Lebenslauf ergab. Computerschrift wie heute (bequem herstellbar, sauber und exakt) gab es damals nicht. So übte man sich im Schreiben mit Röhrenfedern, Skriptol und Schablonen. Ich erinnere mich dankbar, daß die Schülerin Petra Schmidt (verh. Manthei) während der Sommerferien oft zu mir kam. Sie hatte Sinn für Schönheit und Zeichnen und beschrieb die Schautafeln. Pünktlich zur Gedenkfeier mit Grabsteineinweihung zum “Tag der Opfer des Faschismus” war alles zum 12.9.1970 fertig. Die Tafeln wurden im Korridor vor dem Klassenraum aufgehängt, in dem die Feierstunde stattfand. Kurze Vorträge über Elisabeth Bethges Lebenslauf wurden umrahmt mit passenden Gedichten. Unsere damalige Musiklehrerin und Chorleiterin Irmgard Buder ergänzte mit einstudierten Liedern das Programm. Danach fuhren alle mit dem Fahrrad zum Friedhof. Das Grab, das vorher vernachlässigt aussah, sollte erstmals einen Gedenkstein erhalten. Der Brieselanger Herr Goldberg, der als Steinmetz in Nauen tätig war, hatte ihn angefertigt. Die Gemeinde Brieselang trug die Kosten, deshalb sprach auch die damalige stellvertretende Bürgermeisterin Frau Renate Schimpf in Vertretung des erkrankten Bürgermeisters Josef Klein passende würdigende Worte. Frau Professor war des Lobes voll !
Es wurde festgelegt, daß die Schautafeln im Hort verbleiben sollten und dieser die Grabpflege übernimmt. Späteren Klassen sollten sie als Information über das Leben der Elisabeth Bethge dienen. Diese Verpflichtung wurde etwa 20 Jahre eingehalten. Dann kam die Wende. Die Schautafeln wurden entsorgt. Ich erfuhr es leider zu spät. Gerne hätte ich sie aufbewahrt, dann wäre dieser Bericht konkreter ausgefallen. Nun sind es nur noch flüchtige Erinnerungen. Sehr viel Arbeit landete wie so oft im Müll. Schade ! Kenntnisse über konkrete Ortsgeschichte vom Kampf gegen die Hitlerherrschaft könnte unseren Heranwachsenden nicht schaden.
Charlotte Krause
|