BK II/05 - 18.05.2001

Ursprung Brieselanger Straßennamen

Heute: Erich - Mühsam - Straße

Kaum eine andere Brieselanger Straße schlängelt sich so unlogisch durch die Landschaft. Mit der Form eines Fragezeichens beginnt sie an der Wustermarker Straße und endet am Ende (oder ist es der Anfang) der Vorholzstraße.

Schon 1930 gab es in der Nähe der Kreislandwirtschaftsstelle einen Teil der heutigen Mühsam-Straße, allerdings westlich der Wustermarker Straße als Körnerstraße. In den Jahren bis 1940 wuchs sie immer weiter Richtung Osten und erreichte schließlich die Vorholzstraße über einige Ecken.

Da der Vorname des Namenspatrons Körner nicht überliefert ist, kann nicht sicher gesagt werden, ob der Freund Schillers und Herausgebers der Werke Schillers Christian Gottfried Körner oder sein Sohn Karl Theodor, der als junger Autor von Lustspielen auf sich aufmerksam machte und bereits mit 22 Jahren in den Reihen des Lützowschen Freikorps bei Gadebusch im August 1813 starb, geehrt werden sollte.

Warum der Name Körner in Ungnade fiel und gegen den doch wenigstens zwiespältigen Geist Erich Mühsam ausgetauscht wurde, ist nicht ganz nachvollziehbar. Denn während der eine an Lützows wilder verwegener Jagd teilnahm, übte der andere einen anarchistischen Kommunismus. Schauen wir mal genauer hin.

Erich Mühsam wurde am 6. April 1878 in Berlin geboren. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Lübeck. Am dortigen Gymnasium bewies er bereits seinen streitbaren Verstand. Wegen politisch unliebsamer Äußerungen flog er aus der Schule und durfte sein Abitur im mecklenburgischen Parchim ablegen. Erst in Lübeck, dann in Berlin lernte er wie sein Vater das Apothekerhandwerk, was aber nicht seine Welt war. Er wollte Schriftsteller werden.

1902 wurde er Redakteur der anarchistischen Zeitschrift "Der Teufel" und ein Jahr später des "Weckruf". Nach einer Reihe von längeren Reisen unter anderem nach Wien, Zürich und Paris ließ sich Mühsam in München nieder. Hier gehörte er zur sogenannten Münchner Boheme und war in einschlägigen Künstlerlokalen zum Beispiel mit Franz Wedekind Stammgast. Er arbeitete für das Kabarett "Elf Scharfrichter" und an der Seite von Joachim Ringelnatz für die Zeitschrift "Simplicissimus". Er verfasste sowohl sozialrevolutionäre Flugschriften als auch Dramen und Lustspiele.

Im Jahr 1919 avancierten vor allem Schriftsteller zu Repräsentanten eines neuen Regierungsgedankens. Sozialdemokraten, Unabhängige Sozialdemokraten und Anarchisten riefen am 7. April 1919 in München die Räterepublik aus, deren Mitglied des Zentralrates Erich Mühsam wurde. Nach der nur sechs Tage währenden Regierungsphase und dem Scheitern der Idee wurde er zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt, 1924 jedoch vorzeitig begnadigt. In der Zeit danach bekämpfte er sowohl die Weimarer Republik als auch das nationalsozialistische Regime. Als "Organ der sozialen Revolution" diente seine anarchistische Monatszeitschrift "Fanal" (1926 – 1931), sein Drama "Staatsräson" und sein Werk "Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat. Was ist kommunistischer Anarchismus?" von 1933.

Am Tag des Reichstagsbrandes wurde Mühsam verhaftet und am 10. oder 11. Juli 1934 nach fast  eineinhalbjähriger Haft mit schwerster Folter im Konzentrationslager Oranienburg umgebracht. I.E.G.



 

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