BK I/10 - 08.10.2000

Ursprung Brieselanger Straßennamen

Heute: Freytagstraße

Die Literaten scheinen im Süden unseres Ortes zuhause zu sein. Inmitten des Neuanbaugebietes in Süd verbindet die Freytagstraße in enger Nachbarschaft mit Sudermann, Hölderlin und Hauff die Pappelallee mit der Wielandstraße. Mit einer Initiative meldeten sich in den vergangenen Wochen die Bewohner dieser Straße nachdrücklich zu Wort, um Nachbesserungen für ihre Straßen zu erreichen: Einrichtung als Spielstraße, Anlegen von Fußwegen und Maßnahmen für eine Verkehrsberuhigung. Ob dies Wunschdenken ist oder Notwendigkeit, wurde bei einem Vorort-Termin gemeinsam mit den Anliegern und den Verantwortlichen geprüft. In Zukunft wird die Freytagstraße eine Spielstraße sein, mit allen Vor- und Nachteilen. Die Bewohner der Freytagstraße haben damit ihre Interessen erfolgreich durchgesetzt, wie dies mehr als 150 Jahre zuvor der Namenspatron ihrer Straße, demonstrierte. 

Gustav Freytag, geboren am 13. Juli 1816 in Oberschlesien, war in seiner Zeit einer der bekanntesten Kulturhistoriker und Schriftsteller. Er war Privatdozent für deutsche Literatur an der Universität in Breslau und leitete in Leipzig die Wochenschrift "Die Grenzboten". Vehement lehnte er den demokratischen Radikalismus ebenso ab, wie die romantisierende Flucht aus der Gegenwart. Für ich galt die Stärkung der bürgerlichen Tugenden als eine wichtige Aufgabe, die er u.a. mit seinen Werken wie "Soll und Haben" oder den Romanzyklus "Die Ahnen" zu realisieren versuchte. Er bediente damit eine erst im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts entstandene neue Romangattung, den Bildungsroman. Der Bildungsroman galt als eine literarische Form, die "mit Behagen nicht die ganze Welt samt ihrer Missbildungen schildert". Gustav Freytag bediente diese Definition W. Diltheys in der Vielzahl seiner Werke perfekt. Gustav Freytag kannte sich bestens aus in dem Geschmack seiner Leser. In seiner Zeit waren die Hauptabnehmer für belletristische Werke ja vor allem die Leihbibliotheken. So entsprach die durchschnittliche Romanauflage von 800 bis 1000 Exemplaren pro Titel etwa der Zahl der größten Leihbibliotheken. 90 Prozent der an Literatur interessierten Bürger bezog seine Lektüre hier. 

Ob es sich um vornehme Literatur - Institute oder einfache Volksbibliotheken handelte, die Vorlieben lagen dicht bei einander - zwei Drittel für deutsche und ein Drittel für französische Romane. Ein Buch wanderte von einer Hand in die andere - Bücherregale in den privaten Wohnungen waren noch Luxus. Die Betreiber der Bibliotheken kannten sich in den Lesegewohnheiten ihrer Kunden bestens aus und orderten entsprechend. Zunächst musste Literatur also ihnen gefallen. Freytag wusste das. Darum war die Rangfolge der meistgelesenen Autoren fast überall identisch:

Freytag vor Dahn, Scheffel, Spielhagen, Marlitt und Heyse.

Am 30. April 1895 stirbt Gustav Freytag in Wiesbaden, einer, der die solide Tüchtigkeit als eine erstrebenswerte Tugend proklamierte und dies mit einer großen Vielzahl an Büchern - allein "Die Ahnen" bestehen aus 6 Bänden und die "Bilder aus der deutschen Vergangenheit" aus 5 Bänden - selbst vorlebte.

LE.G.



 

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