BK III/09 - 14.09.2002

Ursprung Brieselanger Straßennamen

Heute: Karl - Marx - Straße

Karl-Marx-Straße Ecke Thälmannstraße

"Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Kommunismus", schrieben vor mehr als 150 Jahren Karl-Marx und Friedrich Engels als Einleitung ihres "Kommunistischen Manifestes". Das Gespenst ist zahnlos geworden, wenn man das von einem Gespenst überhaupt sagen darf. Dennoch geistert es weiter unverdrossen durch die Welt und ist nicht tot zu kriegen. Warum auch? Hilft es doch über das nachzudenken, was die Menschen wollen, sollen und können.

Karl Marx, ein genialer Analytiker seiner Zeit, entwickelte Thesen, die zum Teil noch heute Bestand haben, die aber ebenso mit Fehlern und falschen Einschätzungen behaftet sind, wie sie jedem klugen Kopf auch noch heute durchgehen, egal, welchen Politiker, Wissenschaftler oder Künstler wir uns ansehen.

In Brieselang trägt die mit exakt 2613 Metern zweitlängste Straße des Ortes den Namen des Begründers des wissenschaftlichen Kommunismus Karl Marx. Vor der Umbenennung etwa in den fünfziger Jahren, hieß sie schlicht Nauener Straße und sie bildet vom Osten ab der Finkenkruger Straße bis hin zum Havelkanal die Hauptverkehrsader. Entlang dieser Straße entwickelte sich das Leben in alle seiner Vielfalt. Neben den Wohnhäusern der ersten Siedler in den zwanziger Jahren öffneten zahlreiche Geschäfte ihre Pforten, entstand die Schule, Kindergärten, Gaststätten, Kirchen und landwirtschaftliche Produktionsstätten. Heute freilich sind es nicht mehr ganz so viele Läden, denn der Einkauf wurde zentralisiert. So gibt es am Anfang der Straße seit Mitte August den neuen NETTO-Markt und am Ende noch den Lebensmittelladen der Familie Eue. Aus einer Schule sind zwei geworden, aus der Landwirtschaft ein Sportplatz und aus dem renommierten Tanzlokal "Rosengarten" eine schäbige Ruine. Außerdem sind viele, viele neue Häuser gebaut, die der Straße gut zu Gesicht stehen. Sogar ein Fußweg findet sich zwischen der Thälmann-Straße und bis fast an die Fichtestraße heran. Er wurde 1997 angelegt.

Die Namensvergabe einer Person der Zeitgeschichte an eine Straße ist immer eine heikle Angelegenheit und wird nicht von allen gleich mitgetragen. Da in Brieselang wieder Stimmen zu Umbenennungen laut werden und dabei auch die Karl-Marx-Straße genannt ist, sehen wir uns doch den Mann Karl Marx mal etwas genauer an.

Am 05.05.1818 wird Karl Marx als Sohn eines jüdischen Juristen, der, um seinen Beruf weiter ausführen zu können, zum christlichen Glauben konvertiert ist, in Trier geboren. Der belesene und aufgeklärte Vater liest den Kindern Voltaire und Rousseau vor und fördert damit ihre geistige Freiheit.

Von 1830 bis 1835 besucht der überdurchschnittlich begabte junge Mann das Gymnasium und fällt als renitenter Schüler auf. Nach der Schulzeit beginnt er zunächst in Bonn ein Jura-Studium und wechselt 1836 an die Berliner Universität, wo er sich hauptsächlich der Philosophie zuwendet. 1841 schließt er mit dem Doktor der Philosophie ab. Von nun an beginnt ein wechselhaftes Leben an verschiedenen Orten und Tätigkeiten in verschiedenen Redaktionen politischer Zeitungen und Zeitschriften, wie der "Rheinischen Zeitung", den "Deutsch-französischen Jahrbüchern" und dem "Vorwärts". Die Zeitungen wurden wegen der aufmüpfigen Feder verboten und er aus den Orten vertrieben. So siedelte er 1843, nachdem die "Rheinische Zeitung" vom preußischen Staat verboten wurde, nach Frankreich über, später nach Belgien, wo er Friedrich Engels begegnet. Er kehrt in das Preußen der Revolutionsjahre von 1848 zurück und wird hier aufgrund seines Engagements erneut ausgewiesen, wie auch aus seiner nächsten Station Paris und landet schließlich 1849 in London.

Hier in London erlebt er die Auswirkungen der Industrialisierung und des sich entwickelnden Kapitalismus auf die Arbeiter. Diese Erfahrung und ein ausgedehntes Studium der politischen Ökonomie bilden die Grundlage für die beiden Bände des "Kapital" in denen er die Zusammenhänge und Mechanismen der kapitalistischen Produktion beleuchtet und aufdeckt.

Er stellt sechs Thesen auf:

  1. Der Inhalt des gesellschaftlichen Bewusstseins, wird durch die ökonomischen Verhältnisse bestimmt.

  2. Er folgert aus der Abfolge der Gesellschaftssysteme ein Konzept der Zukunft, dass für ihn Kommunismus heißt.

  3. Die Konzentration des Kapitals in den Händen weniger und die einhergehende Verelendung der Arbeiterschaft, ist Auslöser für den wachsenden Klassengegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie.

  4. Ursache für das steigende Elend ist die Tatsache, dass der Arbeiter durch seine Arbeit mehr Wert erzeugt als er in Form des Arbeitslohnes bezahlt bekommt. Dieser Mehrwert, der vom Kapitalisten angeeignet wird, ist eigentliche Quelle des kapitalistischen Reichtums.

  5. Die Arbeit wird zu einer einseitigen marktwirtschaftlichen Ware entfremdet.

  6. Endziel müsse die klassenlose Gesellschaft durch die Aufhebung des Privateigentums sein. Erst so könne es weder Unterdrücker noch Unterdrückte geben.

Karl Marx lernt als linker Philosoph die repressive Obrigkeit kennen. Zusammen mit seinen Erfahrungen mit den Auswirkungen der Industriellen Revolution formt sich in ihm ein Gedankengebäude, das nach radikalen Umwälzungen der Gesellschaftsstrukturen ruft. Er sieht in der "bourgeoisen Produktionsmethode", auf der sich die Ausbeutung des Proletariats gründet, die Ursachen des sozialen Elends und erkennt, dass die Industrialisierung nicht mehr rückgängig zu machende Veränderungen an der Gesellschaft gebracht hat.

Am 14. März 1883 stirbt Karl Marx in London. I.E.G.



 

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