BK IV/08 - 28.08.2003

Ursprung Brieselanger Straßennamen

Heute: Paul - Singer - Straße

Bevor ich über eine Straße schreibe, habe ich mir angewöhnt, sie mit dem Fahrrad abzufahren. Auch in der Paul-Singer-Straße, die in Nord zwischen dem Pausiner Weg und der Langen Straße zu finden ist, war ich. Zwei Drittel der 342 Meter langen naturbelassenen Straße habe ich geschafft. Dann wollt ich einfach nicht mehr. Man stelle sich vor, gelber Pudersand, wie an der Ostsee, so weit die Straße reicht. Der Strand ist da, doch wo ist das Meer?
Sicher, es mag an der andauernden Hitze und dem fehlenden Regen liegen, dass hier eigentlich nur von einem Strandweg gesprochen werden kann, aber es ist eine “Straße”. Ein Gutes hat die Sache dabei schon – hier fährt man langsam mit dem Auto und das Rad schiebt man besser. Eine gute Gelegenheit, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen.
Vor 1945 taucht der Name der Straße noch nicht in den Ortskarten auf. Die Straße ist lediglich als in der Planung schon mal mit gestrichelten Linien eingezeichnet. Vermutlich wurde der Name nach Kriegsende in den vierziger Jahren vergeben. Die Paul-Singer-Straße gehört zu den vielen Straßen im Ort, die nach einem SPD-Politiker benannt sind. Sehen wir uns also einmal an, wem der Strand seinen Namen gab.
Paul Singer wird als neuntes Kind eines jüdischen Kaufmanns in Berlin am 16. Januar 1844 geboren. Auch er absolviert eine Kaufmannslehre und arbeitet in verschiedenen Berliner Konfektionsfirmen. Mit 18 Jahren wird er Mitglied der liberalen Deutschen Fortschrittspartei. Nach Kontakten mit August Bebel und Wilhelm Liebknecht tritt er dem “Berliner Arbeiterverein” bei und wird am 26. Oktober 1868 Mitbegründer des “Demokratischen Arbeitervereins”.
Gemeinsam mit seinem ältesten Bruder gründet er eine Fabrik für Damenmäntel und wird Mitglied der “Sozialdemokratischen Arbeiterpartei” (SDAP).
1875 übernimmt er die Leitung eines Berliner Asyl-Vereins für Obdachlose.
Drei Jahre später organisiert er nach dem Erlass der “Sozialistengesetze” Solidaritätsaktionen und hält die Verbindung zwischen der Parteiführung in Deutschland und Karl Marx sowie Friedrich Engels in London. Singer initiiert die Gründung der Zeitschrift “Sozialdemokrat” in Zürich und leitet deren illegalen Vertrieb.
Trotz antisemitischer Verleumdungen wird Paul Singer im Oktober 1883 als eines von fünf sozialdemokratischen Mitgliedern in die Berliner Stadtverordnetenversammlung gewählt. Von 1884 bis zu seinem Tod 1911 ist er Stadtverordneter von Berlin und nimmt den Vorsitz der sozialdemokratischen Fraktion wahr und profiliert sich als Verwaltungsfachmann. Der gleichen Zeit ist er auch Mitglied des Reichstages und Vorsitzender der Geschäftsordnungskommission und Fraktionsvorsitzender.
1884 gründet er formell das keiner Partei gehörige “Berliner Volksblatt”, einen Vorläufer des späteren “Vorwärts”. Am 29. Juni 1886 wird Singer aus Berlin ausgewiesen, weil er im Reichstag über einen als Sozialdemokraten getarnten Polizeiagenten berichtet, der plante, die organisierten Arbeiter zu terroristischen Anschlägen zu verleiten. Singers Ausweisung gestaltet sich zu einer Protestkundgebung der Berliner Arbeiter gegen die “Sozialistengesetze”. Von Dresden aus leitet er fortan seine politischen Aktivitäten.
Nach dem Ende der “Sozialistengesetze” erfolgt die Umbenennung der SDAP in “Sozialdemokratische Partei Deutschlands” (SPD). Paul Singer und August Bebel werden zu deren Vorsitzenden gewählt.
Charakteristisch für Singers Arbeit ist seine Verknüpfung von parlamentarischer Tätigkeit und politischer Basisarbeit, die ihn äußerst populär macht.
Ab 1900 ist Singer mit Gründung des Internationalen Sozialistischen Büros ständiges Mitglied dieses Exekutivorgans der Internationale, in dem auch Wladimir Iljitsch Lenin als Vertreter der russischen Partei mitarbeitet. Er organisiert Veranstaltungen, auf denen gegen die Verfolgung politischer russischer Emigranten in Deutschland protestiert wird.
Am 31. Januar 1911 stirbt Paul Singer nach kurzer schwerer Krankheit in Berlin. Zu seiner Beisetzung am 5. Februar geben ihm Hunderttausende das letzte Geleit.
Informationen zusammengestellt: I.E.G.



 

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