BK III/07 - 15.07.2002

Ursprung Brieselanger Straßennamen

Heute: Simmelweg

Der Simmelweg ist ursprünglich geboren als Straße. Als in den dreißiger Jahren das Gebiet, das heute am Ende der Fichtestraße im Norden Brieselang liegt, Siedlung "Brieselang am Wald" werden sollte, waren Straßen geplant. So erhielten die drei letzten Parallelstraßen an der Fichtestraße die Namen von berühmten Fliegern aus dem 1. Weltkrieg. Unser heutiger Simmelweg bekam dabei den Namen Boelckestraße weg.

In den vierziger Jahren führte er noch von der Uferpromenade bis hin zum Wald ohne Unterbrechung, was ja für eine Straße auch normal ist. Nach 1945 wurde die Boelckestraße umbenannt und mit ihr wurde nun Herr oder Frau Simmel geehrt.

Mit Simmel wurde aus der Straße ein Weg – der Simmelweg. Und nicht nur das, er wurde auch zerteilt, getrennt, zerhackt, wie immer man das bezeichnen soll. Zwischen der Friedrich Engels-Straße und der Langen Straße wurde aus der Straße, pardon Weg, nun ein Feld. Nach etwa 300 Metern über das Feld hinweg führte der Simmelweg weiter. Das schmerzt. Fremde werden geflucht haben am Ende des Weges, weil sie die angegebene Hausnummer nicht fanden. Wer ahnt schon, dass eine Straße durch einen unbezwingbaren Kartoffelacker unterbrochen wird.

Vor etwa drei Jahren hatte das Amt ein Einsehen mit den Fremden, den Anwohnern und der Straße. Der Simmelweg endet nun vor dem Feld an der Friedrich-Engels-Straße und heißt danach Pausiner Weg, der seinerseits zwar jetzt um die Ecke führt, doch was macht das schon.

Heute ist der Simmelweg exakt 773 Meter lang und naturbelassen bzw. mit Schotter belegt. Vor wenigen Monaten haben die Anlieger endlich Trinkwasser- und Abwasseranschlüsse erhalten und leben nun wassermäßig auch im 21. Jahrhundert.

Da es in Brieselang keine amtlichen Aufzeichnungen über die Vergabe von Straßennamen gibt, ist heute nicht mehr so recht festzustellen, an wen man bei dem Namen Simmel dachte. War es nun der Philosoph Georg Simmel, der Schriftsteller Johannes Mario oder ein ganz anderer?

Denken wir uns mal, es war der Philosoph Georg Simmel, der am 1. März 1858 in Berlin geboren wurde und am 26. September 1918 in Straßburg starb.

Georg Simmel wird als jüngstes von sieben Kindern einer wohlhabenden jüdischen Familie geboren. Der Vater Edward ist Fabrikant und Gründer der Firma "Felix und Sarotti". Während der Vater zum Katholizismus konvertiert, tritt die Mutter zum Protestantismus über. Die Kinder werden evangelisch getauft. Dieses religiöse Gemisch wird ihm später häufig vorgeworfen und beeinträchtigt seine Karriere äußerst.

Nach dem frühen Tod seines Vaters wird dem Musikverleger Julius Friedländer die Vormundschaft übertragen, der den jungen Simmel nicht nur umfassend fördert, sondern ihm auch ein kleines Vermögen überschreibt. Damit wird es dem jungen Mann möglich, eine akademische Laufbahn einzuschlagen und diese trotz vielfältiger Schwierigkeiten und langer Erfolglosigkeit auch durchzuhalten.

Von 1876 bis 1881 studiert Georg Simmel an der Berliner Universität Geschichte, Völkerpsychologie, Kunstgeschichte und Philosophie. Simmels erste Promotionsschrift "Psychologisch-ethnologische Studien über die Anfänge der Musik" wird wegen mangelhafter Beweisführung und thesenhafter Argumentation abgelehnt. Auf Fürsprache seiner Gutachter akzeptiert die Fakultät jedoch die im Rahmen eines Wettbewerbes prämierte Abhandlung "Darstellung und Beurteilung von Kants verschiedenen Ansichten über das Wesen der Materie" als Dissertation. 1885 wird er an der Berliner Universität zum Privatdozenten ernannt. Seine Vorträge werden auf Grund seiner rhetorischen Brillanz, seines unkonventionellen Vortragsstils und durch seine geistige Unabhängigkeit zu gesellschaftlichen Ereignissen, die auch zahlreiche nichtakademische Zuhörer anziehen.

Im Jahr 1890 wird er zum Extraordinarius für Sozial- und Geschichtsphilosophie ernannt. Im gleichen Jahr heiratet er die bedeutende Schriftstellerin und Protagonistin der Frauenbewegung Gertrud Kinel. Sein Haus wird damit zu einem Treffpunkt des Berliner Kulturlebens. Der Dichter Rainer Maria Rilke gehörte zu seinem Feundeskreis.

In dem Aufsatz "Die Großstädte und das Geistesleben" zeichnet Simmel 1903 ein typisches Bild der Lebenszusammenhänge in der Moderne und erweist sich damit als einer der scharfsinnigsten Gegenwartsanalytiker seiner Zeit.

Simmels grundlegendstes Denkprinzip ist die Idee der Wechselwirkung, der Dialektik von Form und Inhalt als einer "Dialektik ohne Versöhnung". Diese Idee übertrug er auch auf die Religion. Religion ist für Georg Simmel ein Sein der religiösen Seele, eine formende Funktion und deshalb so wenig zu widerlegen, wie das Sein selbst.

1911 erhält er von der Freiburger Universität die Ehrendoktorwürde und 1914 einen Lehrstuhl an der Straßburger Universität. Im Ersten Weltkrieg nähert er sich nationalistischen Positionen an und verleiht einem Unbehagen an der Kultur Ausdruck. Er hofft, der Krieg werde "die Anbetung des Geldes und des Geldwertes der Dinge" überwinden und die "Einheit und Ganzheit" des Volkes festigen. I.E.G.



 

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