BK III/03 - 16.03.2002

Ursprung Brieselanger Straßennamen

Heute: Zilleweg

Wer kennt sie nicht, die liebevoll gezeichneten Bilder aus seinem "Milljöh" – die verrotzten Gören, die dunklen Berliner Hinterhöfe, die kessen Huren und die verlodderten obdachlosen Männer. Heinrich Zille kannte das Elend und auch die kleinen Freuden in den Arbeiterslums der 20er Jahre Berlins. Er war ein Teil von ihnen. Er hielt sie im Foto und auf dem Zeichenblatt fest, ohne sie in ihrer Ehre zu verletzen.

Da, wo in Brieselang seit Kriegsende eine Straße seinen Namen trägt, hat es auch nicht viel von "Milieu", ist aber auch nicht "Milljöh". Will sagen – Nobelviertel ist es hier ebenso wenig wie Hinterhaus. Dennoch liegt der Zilleweg fast ganz hinten. Sie ist die vorletzte Straße im Norden, bevor es über die Heide nach Alt-Brieselang geht. Von der Uferpromenade am Havelkanal bis hin zur Friedrich-Engels-Straße am anderen Ende, führt sie direkt in den Wald des Landschaftsschutzgebietes Nauen-Brieselang. Erst in den vergangenen Wochen sind die Anlieger an das Frischwasser und Abwassernetz angeschlossen worden. Die Straße erinnert nicht nur deshalb nun an die Pionierzeit des Ortes.

Als hier vor allem in den dreißiger Jahren die Parzellierung erfolgte, sollte am Nordende der Gemeinde die Siedlung „Brieselang am Wald" entstehen. Die Straßen erhielten Namen nach Fliegern, die im ersten Weltkrieg aktiv waren. So hieß der Zilleweg in seinem früheren Leben Immelmannstraße. Max Immelmann war im ersten Weltkrieg Kampfflieger und wurde als "Adler von Lille" bezeichnet. Er entwickelte eine neue Flugfigur, die aus einem halben Looping und einer halben Rolle bestand – den Immelmann-Turn. 1890 geboren, wird er 1916 im Kriegsgeschehen von der eigenen Artillerie in Nordfrankreich beschossen und kommt dabei ums Leben.

Heinrich Zille hingegen bleibt der Kriegsdienst erspart, wenn auch nicht der Militärdienst. Aber damit hat er sowieso nicht viel am Hut. Am 10. Januar 1858 wird er in Radeburg bei Dresden geboren. Sein Vater, ein Uhrmacher und Feinschlosser, konnte mit Geld überhaupt nicht umgehen und fand sich häufiger im Schuldgefängnis wieder, als zu Hause. Berlin bot da eine günstige Gelegenheit für die Familie unterzutauchen.

Heinrich begann als Zehnjähriger mit zu verdienen. Er verkaufte nach Schulschluss Näharbeiten der Mutter, trug Milch, Brötchen und Zeitungen aus. Er war "wilder" Gepäckträger auf Bahnhöfen, bot sich als Fremdenführer an, machte Botendienste und verkaufte Modeschmuck.

Als Elfjähriger begann er Zeichenunterricht zu nehmen. 1872 beendet er seine Schulzeit und beginnt gegen den Willen der Eltern, die ihn gern als Schlächter gesehen hätten, mit einer Ausbildung als Lithograph. Gleichzeitig schreibt er sich als Abendschüler an der "Königlichen Kunstschule" bei Theodor Hosemann ein. Dieser gibt ihm später den Rat: "Gehen Sie lieber auf die Straße hinaus, ins Freie, beobachten Sie selber, das ist besser, als wenn Sie mich kopieren." Aber erst zwanzig Jahre später beherzigt er dies.

1892 bezieht er mit der inzwischen gegründeten Familie eine Dachwohnung in Berlin-Charlottenburg und lebt dort bis zu seinem Tod. Seine Erfolge stellten sich nur langsam ein. 1903 begann seine Mitarbeit am "Simplicissimus". 1908 erschien sein erster Bildband "Kinder der Straße" und erst 1914 der zweite mit dem Titel "Mein Milljöh".

Auf Vorschlag Max Liebermanns wurde er als ordentliches Mitglied in die "Preußische Akademie der Künste" berufen und erhielt den Professorentitel. Weil er den Titel aber gar nicht mochte "Ick heeße Zille!", riefen ihn die Berliner eben liebevoll "Proffessorken". Erst in den zwanziger Jahren wurde er richtig bekannt. Bis heute ist er einer der populärsten Berliner Zeichner und Karikaturisten. Sein Werk ist eine Mischung aus Mitgefühl, Sarkasmus und solidarisch empfundener Verbitterung. In seinem Milljöh nannte man Kinder nach ihm, er war Vertrauter derer, die vom Leben arg gebeutelt waren. Sie fühlten sich nicht verloren, solange es Ihren "Vater Zille" gab.

Im Februar 1929 traf ihn der erste Schlaganfall und im Mai der zweite. Am 9. August starb der von den kleinen Leuten so geliebte Zeichner Heinrich Zille in Berlin-Charlottenburg. Sein Ehrengrab befindet sich auf dem Friedhof in Stahnsdorf. I.E.G.



 

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